Ach Leute, was soll ich sagen – Ich bin jetzt 30 und habe irgend­wie die­se magi­sche Grenze über­schrit­ten, in der es in Gesprächen um lus­ti­ge und auf­re­gen­de Dinge wie emo­tio­na­len Stress mit dem On-Off-Freund, hart durch­ge­fei­er­te Nächte und das neue Album die­ser super kras­sen Underground-Band ging. Denn meis­tens sind alle in fes­ten Beziehungen, haben einen rich­ti­gen Erwachsenen-Job bei dem man früh auf­ste­hen muss und ergo auch kei­ne Zeit hat, die kost­ba­re Freizeit mit dem Geschrammel einer Undergound-Band zu ver­geu­den oder den Sonntag mit fet­tem Kater zu ver­brin­gen.

Stattdessen habe ich nun die­se ziem­lich graue Welt der Gespräche über Hypotheken, Steuerersparnisse und die­ses “super prak­ti­sche und wirk­lich für alles ein­setz­ba­re” Gerät, das sich Thermomix nennt, betre­ten. Ich will mich da auch gar nicht drü­ber stel­len, da ich nicht bes­ser bin. Denn auch ich den­ke über Wohneigentum nach, bin froh über jeden Steuertipp und Besitzerin eines Thermomix’ (und ja, die Dinger sind wirk­lich super prak­tisch und für alles ein­setz­bar). Da Gespräche nun also ten­den­zi­ell eine eher kon­ser­va­ti­ve Richtung anneh­men, bleibt nur ein Ausweg, die Dinge etwas span­nen­der zu gestal­ten: Über Karriere reden.

Der einzige Ausweg aus der Dinner-Langeweile: Karriere-Quartett

Und dann taucht immer einer auf, der Karriere-Quartett spie­len will, zu dem ich mich aber ungern her­aus­for­dern las­se. Ich weiß nicht wie­so, aber irgend­wie geht bei vie­len der Quartett-Spieler der Muss-über­le­gen-sein-Modus los, wenn sie hören, dass ich Freiberuflerin bin – und das geht in der Regel immer dumm für mich aus.

Das hab ich bei den Pokémon schon nicht ver­stan­den – “Mein Schubadura greift dich mit der Wasserkanone an und ich schmeiß noch gleich ein Glutamat hin­ter­her, das dein Pollahubu mit dei­ner Hypnosetechnik zu Boden ringt”. Und ich den­ke so: Oh, das ist ja jetzt blöd. Nevermind, bin ich halt tot. Ich weiß, dass mein Pollahabu eine gute Abwehr in Form einer Kaktusattacke hät­te zei­gen kön­nen, aber meh. Pick your Battles wise­ly. Pokémon-Battles sind Kämpfe, auf die ich dan­kend ver­zich­te.

Das Gleiche gilt für Karriere-Quartett-Battles.

Spieler 1: Ich befin­de mich auf Karrierelevel 7 und ver­die­ne so viel, dass ich drei Mal im Jahr Fernreisen mache, mir unter­ste­hen drei­und­drölf­zig Mitarbeiter und nen Firmenwagen hab ich auch.

Spieler 2 (Ich): Cool, freut mich für dich

Ich will aber gar nicht spielen. Ich gebe auf.

Ich spie­le mei­ne Karten gar nicht erst aus, denn ich wur­de in allen Punkten geschla­gen und erken­ne das sofort an. Als Freiberufler gibt es kei­ne Karrierestufen, die ich erklim­men kann – ich bin also immer noch auf Level 0. Ich ver­die­ne so viel, dass ich halt okay davon leben kann aber immer noch nicht Genug Geld für den Luxus eines Roombas habe. Die ein­zi­gen Mitarbeiter, die mir unter­ste­hen, sind mein Rechner, mei­ne Stifte und alles, was in mei­nem Rollcontainer ist. Und nen Firmenwagen hab ich zwar auch – nur bin ich die Dumme, die ihn bezahlt, weil es halt mein Auto ist.

Sache geklärt. Du bist sehr viel tol­ler und erfolg­rei­cher als ich. Können wir jetzt über mei­nen Hund spre­chen?

Manchmal geht das gut, manch­mal gehts dann erst rich­tig los.

Gegenüber (möch­te sich halt unbe­dingt duel­lie­ren): “Und was machst DU beruf­lich?”

Ich (so kurz ange­bun­den wie mög­lich): “Marketing. Ich häng viel im Internet rum.” Strategischer Themenwechsel: “Apropos Internet, kennst du den YouTube-Kanal von mei­nem Hund”

Kann funk­tio­nie­ren, muss aber nicht.

Gegenüber: “Wo arbei­test du denn?”

Dadimm. Die gefähr­li­che Frage. Lügen ist ja auch doof.

Ich: “Ich äh, bin äh (mur­mel mur­mel) selbst­stän­dig”

Sollte das pho­ne­tisch und akus­tisch zu mei­nem Gegenüber durch­ge­drun­gen sein und soll­te ich kei­ne Ablenkung gefun­den haben, hab ich ver­lo­ren.

Fühlte sich der Karriere-Quartett-Spieler bis eben noch über­le­gen, merkt er nun, dass er jeman­den gefun­den hat, mit dem das Spiel span­nend wer­den könn­te, da ich in sei­nen Augen ein ernst­zu­neh­men­der Gegner bin.

Ja komm, tu es. Dann haben wir es hinter uns…

Ich atme inner­lich tief ein und aus. Komm, tu es. Dann haben wir es hin­ter uns.

In der Regel ist sie dann auch schnell da: Die Geschäftsidee. Was ich denn davon hal­ten wür­de, er hät­te das Gefühl, da wären super Umsatz mit mög­lich und gene­rell wol­le er ja raus aus der Unternehmens-Maschinerie, die wür­de ja total ein­engen und er wäre ger­ne sein eige­ner Chef.

Meistens schau ich die Person an und den­ke: Nicht in einer Million Jahre. Ich gebe dir drei Monate. Du bist so sta­tus­ge­trie­ben, dass dir das Produkt oder die Dienstleistung herz­lich egal ist und du nur Geld machen möch­test. Wer selbst­stän­dig ist, muss mit gan­zem Herzen lie­ben, was er tut. Du tust es nicht.

Dinge, die ich nicht sage, weil ich wie gesagt kei­nen Bock auf Quartett habe:

- Mein Krankenkassenbeitrag inklu­si­ve Pflege- und Krankengeld liegt bei 15,9% von dem was ich ver­die­ne.
– 19% mei­ner Rechnungsbeträge kriegt der Staat sowie­so schon an Mehrwertsteuer, da sind Einkommenssteuer, Kirchensteuer und Soli noch gar nicht mit ein­ge­rech­net. Fairerweise muss man sagen, dass ich auch vie­les abset­zen kann.
– Ne Altervorsorge habe ich schon, aber ich zah­le bei wei­tem nicht so viel ein wie ein Arbeitnehmer und hab wahr­schein­lich spä­ter mal ein Problem.
– Ich arbei­te zwi­schen 50 und 60 Stunden die Woche und wer­de nur nach Leistung, nicht nach Stunden bezahlt.
– Mein Geschäftsdispo liegt bei 1.500 Euro und ist immer  stän­dig im Minus, weil der Kunde mit sei­nen Rechnungen in Verzug ist und die Miete aber ja trotz­dem irgend­wie bezahlt wer­den muss.
– Im Jahr 2018 hat­te ich bis jetzt zehn glor­rei­che Tage Urlaub, wenn man die etwa 20 Tage Arbeit an Samstagen und Sonntagen abzieht, lie­ge ich bei ‑10 Tagen.
– Als ich letz­tens über­ra­schend ins Krankenhaus gekom­men bin, hab ich Blut und Wasser geschwitzt, weil die kein W‑LAN hat­ten und ich nicht wuss­te, wann ich wie­der raus­kom­men und mei­ne Arbeit fort­set­zen kön­nen wür­de.
– Und das Beste ich: Ich bin noch voll der Weichspül-Selbstständige, weil ich eine Dienstleistung im B2B-Bereich anbie­te. Meine Geschäftsausgaben lie­gen bei lächer­li­chen 300 Euro im Monat und die Zahlungsmoral mei­ner Kunden ist ziem­lich gut. Erhöhe das Schwierigkeitslevel noch­mal und füge Kredit-Verpflichtungen für Maschinen, Forderungen von Lieferanten und insol­ven­ten Kunden hin­zu.

Na, has­te Bock?

Unternehemensgründung ist kein Hobby. Aber was weiß ich schon?

Dass Unternehmensgründung viel Verzicht, gro­ße Aufopferung und gele­gent­li­che Krisen bedeu­tet, ist dem Karriere-Quartett-Spieler nicht bewusst und meist ist er auch arro­gant genug, zu den­ken, dass er es ohne viel Aufwand schafft.

Doch wer nicht abso­lut liebt, was er tut, ist als Selbstständiger total falsch. Niemand nimmt sol­che Arbeitsbedingungen auf sich, um etwas zu tun, das er nur mit­tel­gut fin­det.

Aber das sag ich nicht. Ich fahr die Pollahabu-Geschichte auf mei­nem Pokémon-Battle:

Ja, das hört sich echt ganz gut an. Ich sehe da eine Chance” und impli­zie­re auch ziem­lich schnell, dass ich ja auch nicht so viel Ahnung von Unternehmensgründung habe, obwohl es eigent­lich mein Tagesgeschäft ist, Start-Ups zu beglei­ten. Lölölölö. Mein Name ist Hase, ich weiß von nix.

Der fühlt sich gut, ich habe mei­nen Frieden und kann ENDLICH Fotos von mei­nem Hund zei­gen.
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Anmerkung: Wenn ich übri­gens echt abso­lut über­haupt gar kei­ne Lust habe und mein Gegenüber sehr anst­re­gend aus­sieht, spiel ich mei­nen Super-Sternenzerstörer. Die mäch­tigs­te Karte von allen, die alles in Asche ver­wan­delt: Meinen Mann.

Hey, kennst du eigent­lich schon mei­nen Mann? Der ist übri­gens inter­na­tio­nal bekann­ter und mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ter Krebsforscher”

Viel Spaß dabei, den zu über­trump­fen.

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