Hach ja – ihr habt es sicher­lich schon mit­be­kom­men: Es war warm. Nicht nur so ein biss­chen warm, son­dern eher so warm, dass man stän­dig in sei­ner eige­nen Suppe geses­sen hat und sich ein­fach nicht bewe­gen woll­te. Dazu gehör­te ich selbst­ver­ständ­lich auch. Aber wisst ihr, wer auch dazu gehör­te? Meine Telefonanlage. Jap, das arme Ding ist auf dem Dachboden unse­res Gründerzeit-Hauses instal­liert wor­den und hat eine auto­ma­ti­sche Abschalt-Funktion, die unmit­tel­bar in Kraft tritt, sobald die Raumtemperatur etwa 50°C über­steigt. Ich war die ver­gan­ge­nen Wochen also vom Nachmittag an ohne Internet.

Das neue Spiel für Adrenalinjunkies: Wann ist das Internet weg?

Wann genau konn­te ich aller­dings nicht sagen. Deshalb hab ich ziem­li­che vie­le Runden „Schaff-ich-das-noch-bevor-sich-alles-ver­ab­schie­det-Bingo“ gespielt. Ist tat­säch­lich mit ein biss­chen Nervenkitzel ver­bun­den. Ich kam mir vor wie in einer die­ser Kochshows, in denen die Kandidaten unter immensem Zeitdruck eine drei­stö­cki­ge, fili­gran ver­zier­te Hochzeitstorte zusam­men­bas­teln müs­sen bevor die Uhr stoppt und sie sofort die Hände von der Torte weg­neh­men und auf einen roten Buzzer drü­cken müs­sen. So ging das in etwa bei mir auch, nur dass ich eher Facebookkampagnen auf­ge­setzt habe und eine Zeit lang auch nicht wirk­lich ein­schät­zen konn­te, wann die Uhr stop­pen wür­de.

Doch ich bin ja schlau und habe mich des­halb kur­zer­hand zu einer Art Amateur-Meteorologin ent­wi­ckelt, die anhand von Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit in etwa abschät­zen kann, wann Schicht im Schacht ist. Gut, dass man Wikipediaartikel näm­lich auch run­ter­la­den kann.

Kein Internet: Langweilig. Voll langweilig.

Hatte ja auch genug Zeit, mich mit Meteorologie zu beschäf­ti­gen, war ja schließ­lich nichts ande­res zu tun. Denn mir war lang­wei­lig. Mein Gott, war mir lang­wei­lig. Mein Fernseher funk­tio­nier­te auch nicht ohne Internet, mein Datenvolumen war bis ans Maximum aus­ge­reizt und mein iPad hat­te kei­nen Speicherplatz mehr, weil ich da tat­säch­lich Sachen für die Arbeit drauf habe, die ich brau­che.

In die­ser Zeit ist mir dann schmerz­lich bewusst gewor­den, dass ich zu viel vor Bildschirmen hän­ge: Wenn ich nicht vor dem Computer arbei­te, fri­ckel ich irgend­was auf mei­nem Handy rum, schaue Netflix auf mei­nem iPad oder lass mich vom Vorabendprogramm auf dem Fernseher berie­seln. Die ein­zi­ge Zeit, die ich nicht vor einem Bildschirm ver­brin­ge, gehe ich ent­we­der mit dem Hund oder bin ver­hin­dert, weil ich gera­de schla­fe.

Was macht man nochmal in diesem Offline?

Sich des­sen bewusst zu wer­den, ist schon ganz schön krass. Klar, digi­tal unter­wegs zu sein ist mei­ne Passion, mein Beruf und ein gro­ßer Teil mei­nes Lebens – aber ich muss doch auch mal was off­line machen! Nur was macht man noch­mal so in die­sem Offline? Ehrlich gesagt war ich zunächst ein wenig rat­los.

Früher habe ich immer gele­sen. Meine Mutter war näm­lich der Meinung, dass Fernseher und Handys dumm machen und des­halb war ich ziem­lich oft auf mich allei­ne gestellt in Sachen Entertainment. Also habe ich immer mei­ne Bücherei-Karte aus­ge­reizt und ein­fach mal so fast jedes Buch in unse­rer klei­nen Dorfbücherei gele­sen. Denn ich hat­te nicht den Luxus eines Kindle-Abos und muss­te ein­fach das lesen, was da war. Das führ­te dann auch dazu, dass ich mich durch Michel Houllebecq gequält und wahr­schein­lich jeden seich­ten Frauenroman ver­schlun­gen habe, der in den Jahren 2002 bis 2008 ver­öf­fent­licht wur­de. 2008 war dann Schluss, dann habe ich Abi gemacht und hat­te von da an einen Fernseher und einen Computer. Da ging es schon ein biss­chen berg­ab.

Richtig berg­ab ging es dann aber mit dem Smartphone. Seitdem ich das Teil habe, nut­ze ich es auch. Ich orga­ni­sie­re mein Leben mit Apps, scrol­le immer mal wie­der durch die Branchennews und habe schon viel zu viel Zeit damit ver­bracht, sinn­lo­se Videos auf YouTube zu schau­en – und wo wir gera­de schon­mal so ehr­lich sind: Ich bin nicht stolz drauf, aber bei Candy Crush Soda Saga befin­de ich mich gera­de in Level 1153. Ja, das hat so vie­le Level und noch viel mehr. Nein, da bin ich echt nicht stolz drauf.

Naja, gut. Ein biss­chen.

Fragen über Fragen, deren Antworten nur online zu finden sind…

Nun ja, da ich mei­nen Feierabend also ohne Internet und Fernsehen ver­brach­te, muss­te ich umdis­po­nie­ren: Gut. Lesen wir doch mal was. Wir mögen lesen.

Hier ist doch das Buch von Obama, das ich schon so lan­ge mal lesen woll­te: Dreams from my Father. (Warum woll­te ich das lesen? Ich hab Obama bei Letterman auf Netflix gese­hen und noch wäh­rend ich geschaut habe bei Amazon auf “Bestellen” geklickt…). Zwei Seiten gele­sen. “Mhm, mhm, mhm inter­es­sant” – “Hab ich eigent­lich die Smartphone-Gebote in der einen AdWords-Kampagne ange­passt?” – “Wann war noch­mal das Frank Turner Konzert?” -“Waren das jetzt Elefanten, die nicht sprin­gen kön­nen oder Giraffen? Oder bei­de?”

Leider konn­te ich mich also nicht auf das Buch kon­zen­trie­ren, weil mir stän­dig Fragen in den Sinn gekom­men sind, deren Antwort ich nur online gefun­den hät­te.

Nach einer Woche oder so wur­de es dann aber bes­ser und ich habe es tat­säch­lich geschafft, Dreams from my Father zu been­den (Naja, zu 2/3 – beim letz­ten Drittel hab ich gechea­ted und die Hörbuch-Version bei Audible gehört, wäh­rend ich mit dem Hund gegan­gen bin. Aber ey – Obama liest es per­sön­lich mit sei­ner samt­wei­chen Soul-Stimme vor)

Zwei Wochen offline und schon werd ich zu Martha Stewart-Picasso

Irgendwie war das schon ein ziem­lich gutes Gefühl, sei­ne Zeit irgend­wie auch mal sinn­voll zu gestal­ten nach Feierabend. Denn ich habe nicht nur gele­sen, ich habe auch mein Malen nach Zahlen end­lich mal fast fer­tig (ist mir egal, dass ihr das total uncool fin­det, in der Instagram-Werbung sah das viel­ver­spre­chend und hip aus) und ich habe eine nicht zu ver­ach­ten­de Zahl an gesun­den Snacks selbst her­ge­stellt und mich wie Martha Stewart gefühlt. Von die­sen Snacks schme­cken zwar nur etwa 50% ganz okay . Bisschen Schwund ist halt immer.

Heute ist ja der ver­meint­lich letz­te Tag der Hitzewelle und ich muss ja sagen, dass mir der digi­ta­le Detox auch mal ganz gut­ge­tan hat. Aber reicht jetzt auch. Ich wer­de bestimmt nie­mals zu den Menschen gehö­ren, die sagen „Also ich hab ja kei­nen Fernseher“ (Was ist eigent­lich das heu­ti­ge Äquivalent dazu? – „Ich leb ja im Wald ohne Empfang?“) – dafür lie­be ich mein Internet zu doll. Aber ich fin­de es nicht schlecht, mal wie­der Momente der Entschleunigung zu erfah­ren und aktiv Dinge zu gestal­ten.

Fazit: Offline geht schon wieder ganz gut, muss aber nicht immer sein.

Trotzdem kann ich es nicht abwar­ten, die Netflix-Mashup Folge von Queer Eye und Nailed It auf Netflix zu inha­lie­ren, Level 1154 bei Candy Crush zu rocken und end­lich, end­lich wie­der mal nen Wasserrutschen-Test bei Galileo zu sehen (Viele den­ken, ich mache Witze. Aber: Über Galileo macht man kei­ne Witze. Ich lie­be Galileo. Also geh weg und lass mich.)

Dass ich das mache, erwäh­ne ich in zukünf­ti­gen Gesprächen natür­lich nicht. Ich wer­de mei­nem Gegenüber aus­schließ­lich gehö­rig damit auf die Nüsse gehen, in jedem drit­ten Satz mei­nen (natür­lich total frei­wil­li­gen) Digitalen Detox zu erwäh­nen und die befrei­en­de Reise, die ich dabei erlebt habe.

Ihr ent­schul­digt mich, ich habe Candy zu Crushen.

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